Hinweise für einen anti-rassistischen Umgang in der Lausitz Aktion
Veröffentlicht am: 25.11.2019 - 18:13

Liebe Ende Gelände Aktivistis,

kurz vor der Aktion hier noch ein paar Hinweise von der Anti-Rassismus AG der Berliner Ende Gelände Ortsgruppe.

Dieses Jahr wurde vermehrt über (Anti-) Rassismus in der Klimagerechtigkeitsbewegung diskutiert und Stimmen von BIPoC (1) lauter, die bei Ende Gelände bisher wenig gehört werden. Da schon jetzt BIPoC (im Globalen Süden) von der Klimakrise stärker betroffen sind als (weiße (2)) Menschen im Globalen Norden finden wir das erst recht wichtig. Nun geht es wieder in Aktion – das bedeutet nicht nur „Kohle stoppen – jetzt“ sondern auch „Solidarität muss praktisch werden“.

Der folgende Abschnitt richtet sich vor allem an weiße (2) Menschen (an BIPoC gibt es unten noch einen Abschnitt):

Du denkst dir: das Ziel Klimagerechtigkeit ist schon alleine solidarisch? Wir denken: Machtverhältnisse und Ungerechtigkeit wirken auch in unseren Aktionen. Menschen sind in der Gesellschaft unterschiedlich privilegiert. In den letzten Jahren wurde bei Ende Gelände vor allem Geschlechterungerechtigkeit angesprochen. Wir finden es ist an der Zeit auch vermehrt über Rassismus zu sprechen, denn dieser existiert in allen Bereichen unserer Gesellschaft, also auch in linksradikalen Strukturen (z.B. bei Ende Gelände).

Die meisten Ende Gelände Aktivistis besitzen weiße Privilegien. Dazu gehört auch sich nicht über diese Privilegien bewusst zu sein und dann erst von anderen darauf hingewiesen werden zu müssen. Zudem können sich weiße Menschen aussuchen, ob sie sich mit ihren Privilegien beschäftigen möchten oder nicht. Außerdem gehört dazu (unbewusst) von sich auf andere zu schließen, also nicht mitzudenken, dass nicht alle Menschen diese weißen Privilegie haben. In Aktionen wird das z.B. sichtbar, wenn weiße Menschen rassistische Situationen nicht erkennen, oder nicht mitbekommen, dass für BIPoCs eine größere Gefahr besteht, Opfer von Gewalt und Repressionen zu werden.

Nachfolgend haben wir ein paar Hinweise zusammen geschrieben (nicht vollständig), damit sich alle in der Aktion und in unserer Klimabewegung wohler fühlen können:

1) Selbstreflexion

Ein Teil der Kritik von BIPoC an Ende Gelände ist, dass viele Menschen ihre weißen Privilegien bis jetzt nicht reflektieren. Also: Beschäftigt euch mit (Anti)-Rassimus und eurem weiß-Sein. Denn kritisch weiß-Sein ist auch ein Teil von antirassistischer Praxis. Dazu gibt es Bücher und Podcasts (siehe Links unten) und Workshops. Hinterfragt auch wen ihr meint, wenn ihr von „Wir“ sprecht.

2) Kulturelle Aneignung

Ein Thema auf das ihr stoßen werdet ist kulturelle Aneignung. Sie taucht immer wieder in linken Kontexten auf, auch und insbesondere in der Klimabewegung. Sie ist oft verknüpft mit dem „Natur-Gedanken“ und ist verwoben mit Kolonialismus. Ein Beispiel dafür ist, dass sich viele BIPoC nicht in einem Plenum oder einer Aktion wohlfühlen können, in der weiße Menschen sind, die Locks tragen (Locks, weil Dreads eine negative Bezeichnung ist). Oft haben diese Menschen sich nicht damit beschäftigt, dass Locks ein Schwarzes Widerstandssymbol sind und es viele Schwarze Menschen verletzt, wenn weiße Menschen sich dieses Symbol aneignen. Oder sie haben sich damit beschäftigt, aber ignorieren es. Während Schwarze die Locks tragen mit Rassismus konfrontiert werden, behalten weiße Menschen auch mit verfilzten Haarsträhnen ihre Privilegien. Kulturelle Aneignung ist ein komplexes Feld und eng mit kolonialer Gewalt, Kapitalismus und Privilegien verbunden. Daher beschränkt sie sich nicht nur auf das Tragen von Locks. Wir wünschen uns, dass ihr euch mit kultureller Aneignung und ihrer Kritik auseinandersetzt, um koloniale Gewaltstrukturen nicht zu reproduzieren. Unten findet ihr Textempfehlungen, um euch weiter mit dem Thema zu beschäftigen.

3) Repression & Rassistische Polizeigewalt

BIPoC haben eine viel höhere Wahrscheinlichkeit von Repression und rassistischer Polizeigewalt betroffen zu sein. Bei Ende Gelände Aktionen fühlen sich viele weiße Menschen von der Masse vor Repression geschützt. Rassistische Zuschreibungen machen das Risiko für BIPoC größer auch in einer Masse aufzufallen und im Fokus der Polizei zu landen. Gemeinsam müssen wir Wege finden, sodass auch BIPoC sich in einer Masse geschützter fühlen können. Der erste Schritt kann als weiße Person sein, sich bewusst darüber zu werden, auch in einer Masse weiße Privilegien zu haben. Das ist nicht selbstverständlich.

Wer Aktivismus betreibt, weiß dass das viel mit Repression zusammenhängt. Wer Privilegien, wie ein Stipendium, gut-verdiene Eltern und/oder einen gut bezahlten Job genießen kann, kann sich auch sicher sein, dass die Kosten am Ende kein Problem sein werden. Solche Privilegien hängen oft mit weißen Privilegien zusammen, und die haben nicht alle. Es gibt Gruppen, die solidarisch Menschen mit ihren Repressionskosten unterstützen. Damit sich sich nicht nur privilegierte Menschen Aktivismus „leisten“ können, müssen wir alle gemeinsam diese Strukturen stärken.

Auch wenn wir alle als Aktivist*innen Repression befürchten müssen ist es wichtig im Blick zu behalten, dass Menschen unterschiedlich stark von ihr betroffen sind. Auch hier werden also gesellschaftliche Machtverhältnisse und Ungerechtigkeiten verstärkt.

4) Nazis

Die Gefahr von Nazis angegriffen zu werden ist in der Lausitz um einiges höher als im Rheinland und hat im Vorhinein der Aktion bereits zu mehreren Diskussionen geführt. Bei der Ende Gelände Aktion 2016 kam es bereits zu Nazi Übergriffen. Da sich Ende Gelände nun dafür entschieden hat kein Camp in der Lausitz aufzubauen, ist die Gefahr zwar geringer, nichtsdestotrotz können Übergriffe an Bahnhöfen, Mahnwachen oder „unterwegs“ passieren. BIPoC-Aktivistis sind viel mehr von Nazis gefährdet als weiße Linke. Das sollten alle auf dem Schirm haben und sich Strategien überlegen wie wir uns in solchen Situationen verhalten können.

5) Solidarität

Solltet ihr sehen oder mitbekommen, dass BIPoC von rassistischer (Polizei-)gewalt betroffen sind, bleibt nicht untätig. Es ist es wichtig, wenn es irgendwie möglich ist immer die betroffene Person zuerst fragen, wie es ihr geht und was sie braucht. Denn es gibt nicht die eine Lösung. Möglichkeiten sind z.B. in der Nähe zu bleiben, die Situation zu beobachten, sich einzumischen, Aufmerksamkeit schaffen, den EA anzurufen, oder Unterstützung zu holen – Aber: alle Handlungen können bei Betroffenen eine unterschiedliche Wirkung haben und die Situation möglicherweise sogar schlimmer machen. Deshalb solltet ihr schon vorher über solche Situationen reden. 🙂 Auch wenn ihr eine verbal rassistische Situation, wie z.B. einen rassistischen Kommentar mitbekommt geht euch das was an. Auch weiße Menschen können Rassismus erkennen lernen und tragen die Verantwortung ihn zu benennen und zu kritisieren. Hier geht es nicht darum BIPoC bzw. Betroffene zu bevormunden oder darum, dass BIPoC sich nicht ohne deine Hilfe wehren können. Menschen können und wollen sich selbst verteidigen. Als weiße Person kannst du dich solidarisieren, sie also darin unterstützen und ihnen somit vielleicht den Rücken stärken. Auch hierfür gibt es nicht den einen Weg. Das hängt von der Situation und der betroffenen Person ab, aber auch von dir. Strategien kannst du aber nur entwickeln, wenn du damit anfängst und es ausprobierst.

6) Vorbereitung in Bezugsgruppen

Sprecht in euren Bezugsgruppen vorher über eure Ängste und die Risiken in der Aktion nicht nur allgemein, sondern auch bezogen auf Rassismus. Es ist nicht die alleinige Verantwortung der Menschen, die ein Privileg nicht haben das ansprechen zu müssen, sondern eure gemeinsame Verantwortung. Privilegien könnt ihr einander nicht immer ansehen – also redet darüber 🙂

Der folgende Abschnitt richtet sich besonders an BIPoC:

Es gibt Menschen, die sich über Awareness und Sicherheit während und nach der Aktion Gedanken machen. Schon bei der letzten Aktion kam der Wunsch und Versuch nach dem Aufbau einer Awareness-Struktur auf: dass es ein sichtbar-erkennbares Team an Menschen gibt, die sich als Ansprechpersonen erklären, für Menschen, die während der Aktion Diskrimnierungserfahrungen erleben – welche vor allem marginalisierte Gruppen machen. Nun soll es dafür Menschen geben. Unsere ehrliche Einschätzung ist aber leider, dass diese Strukturen keine ausreichenden Kapazitäten haben, um eine umfassende Anlaufstelle für Menschen stemmen zu können, die rassistische Übergriffe erlebt haben und davon betroffen sind.

Wir schätzen auch ein, dass es eine schwere Arbeit ist, die viel Zeit und Kapazitäten braucht, um so eine umfangreiche und wirkende Struktur aufzubauen. Deshalb sehen wir es auch als einen guten ersten Schritt für die Bewegung an, die wir weiterhin verfolgen sollten, um uns gegenseitig beim Prozess zur Selbstermächtigung und Widerständigkeit zu unterstützen.

(Falls sich da wer mit ihrer*seiner Arbeit nicht gesehen fühlt tut uns das leid. Dann versteht es bitte als Einladung hierzu nochmal mehr dazu zu kommunizieren).

Wir wissen auch, dass es bereits viele Menschen gibt, die sich mit den Themen, die wir in der Mail schildern beschäftigen und sowohl nach widerständigen Strategien suchen, als auch welche aufbauen: wie z.B. Empowerment. Wir wissen, dass so eine Form von Arbeit, und besonders die, die von BIPoCs getragen wird, oft unsichtbar ist und gemacht wird. Deswegen herrscht in der Klimabewegung noch so großes Unwissen dazu. Unser Anliegen liegt darin genau diese Arbeit sichtbar(er) zu machen, um eben Solidarität praktisch umzusetzen und allen Verbündeten & Betroffenen die Möglichkeit zu geben sich untereinander zu vernetzen – zumindesten ist das unser Wunsch. Wir denken nämlich, dass das eine Voraussetzung für BIPoC und marginalisierte Gruppen sein kann, an einer Aktion teilzunehmen.

Wenn ihr an der Aktion teilnehmt und rassistische Übergriffe erlebt können wir diese Anlaufstellen empfehlen:

Wir werden als Arbeitsgruppe rassistischen Vorfällen dokumentieren, von denen wir erfahren. Wenn ihr Vorfällen mit der Polizei, Nazis oder anderen Aktivisti erlebt könnt ihr uns euren Bericht an unsere E-Mail Adresse (eg-anti-ra@riseup.net) schicken. Wir veröffentlichen natürlich nichts ohne Absprache mit euch.

Da es kein richtiges Camp gibt wird es leider keinen BIPoC Safer Space geben. Weil alles dezentral ist gibt es auch keine Telefonnummer, die angerufen werden kann, wenn BIPoC irgendwo abgeholt werden wollen. Zur Not könnt ihr aber immer den Ermittlungsausschuss (EA) anrufen, wenn ihr alleine irgendwo in der Lausitz auf dem Bahnhof steht und euch unsicher fühlt. Dann wird versucht Menschen zu organisieren, die euch abholen können.

Zum Weiterlesen:

Kritisches weiß-Sein

Kulturelle Aneignung

Begriffe

(1) BIPoC

BIPoC steht für Black, Indigenous and People of Color, also Schwarz, Indigen und Personen of Color. Der aus US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung stammende Begriff ist eine Selbstbezeichnung und beschreibt nicht die biologischen Merkmale von Menschen, sondern eine soziale Konstruktion, die Menschen eine bestimmte soziale Position zuweist. Was BIPoC miteinander verbindet, sind geteilte Rassismuserfahrungen, Ausgrenzung von der weiß dominierten Mehrheitsgesellschaft und kollektive Zuschreibungen des „Andersseins“. Der Begriff versteht sich als emanzipatorisch und solidarisch. Er positioniert sich gegen Spaltungsversuche durch Rassismus und Kulturalisierung sowie gegen diskriminierende Fremdbezeichnungen durch weiße Mehrheitsgesellschaften.

(2) weiß

Weiß ist, im Gegensatz zu Benennungen wie Schwarz und People of Color, keine politische, empowernde Selbstbezeichnung, sondern beschreibt eine dominante Position, die meistens nicht benannt wird. Die Bezeichnung dient dazu weiße Privilegien sichtbar zu machen, denn diese sind für weiße Menschen meist unsichtbar. Rassismus weist auch weißen Menschen strukturell einen bestimmten sozialen Ort zu. Dieser Ort ist verbunden mit Privilegien, Dominanzerfahrungen und der Erfahrung als Maßstab zur Beurteilung nicht-weißer Menschen, ohne selbst als weiß markiert zu werden. Um deutlich zu machen, dass weiß-Sein keine ermächtigende Selbstbezeichnung, schreiben wir das weiß klein und kursiv, im Gegensatz zu der empowernden Selbstbezeichnung Schwarz, welche wir groß und nicht-kursiv schreiben.

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Hintergrund zur Antirassismus AG